Homeoffice auf Rädern: Absatzrekord bei Caravans und Reisemobilen


Viele Reisemobile und Wohnmobile auf einem Campingplatz bei strahlend blauem Himmel

Caravaning bekommt durch die Pandemie weiteren Schub, denn es ermöglicht autarken Urlaub. Nach einem schwierigen Jahresstart boomt die Branche nun.

Düsseldorf. In Halle 5 des Caravan Salons in Düsseldorf stehen die Luxuswohnmobile. Sie erinnern mehr an einen Fünf-Sterne-Urlaub als an Camping. Ein Modell der Marke Vario kostet knapp 1,5 Millionen Euro, den neuen Morelo Grand Empire gibt es hingegen schon für etwas mehr als 600.000 Euro. Messebesucher posieren für Fotos vor den Luxuswagen. Doch die meisten tummeln sich in den Hallen, in denen kleinere Wohnmobile und Wohnwagen präsentiert werden.

 

Der Caravan Salon ist die erste große Publikumsmesse nach der Corona-Zwangspause. 20.000 Besucher pro Tag dürfen die Neuheiten bis zum 13. September begutachten – mit Mund-Nasen-Schutz und unter strengen Hygieneregeln. Nur rund 350 Aussteller sind coronabedingt am Start, im Vorjahr waren es noch 645. Branchengrößen wie die Erwin Hymer Group, Pössl oder Concorde haben ihre Teilnahme abgesagt. Trotzdem ist das Interesse groß, denn die Caravaning-Branche boomt.

 

Immer mehr Deutsche werden Fans des mobilen Heims: 1,3 Millionen Freizeitfahrzeuge – Caravans und Reisemobile – gibt es hierzulande. Das sind fast sieben Prozent mehr als ein Jahr zuvor – ein Rekord. Das Hobby lassen sich die Deutschen einiges kosten: Im Schnitt geben sie 73.829 Euro für ein Reisemobil aus und 22.248 Euro für einen Caravan.

 

Diese Art des unabhängigen Reisens liegt seit Jahren im Trend. Durch die Corona-Pandemie bekommt Caravaning nun zusätzlichen Schub. Kochen, Schlafen und Wohnen auf vier Rädern machen autark. Hotels, Restaurants, öffentliche Toiletten und Menschenmassen können gemieden werden. „Caravaning ist in diesen Zeiten eine der sichersten Urlaubsformen“, sagt Daniel Onggowinarso, Geschäftsführer des Caravaning Industrie Verbands (CIVD).

 

Besonders gefragt sind kompakte Kastenwagen, in der Fachsprache „Caravaning Utility Vehicles“ (CUVs) genannt. „Fast die Hälfte der neu zugelassenen Reisemobile kommen aus diesem Segment“, erklärt Holger Schulz, Geschäftsführer des deutschen Herstellers Hobby. Schon vor der Coronakrise hatte Hobby 30 Prozent Neukunden, gerade auch junge Leute – und das hat sich nun noch mal verstärkt.

 

Die Zeiten, als Reisemobile und Wohnwagen vornehmlich etwas für rüstige Rentner waren, sind lange vorbei. Caravaning lockt inzwischen auch jüngere Leute und Familien. Eiche rustikal ist vielfach durch modernes und funktionales Design abgelöst worden. „Die Urlaubsform Caravaning ist in der Gesellschaft angekommen“, konstatiert Schulz von Hobby. Ein Grund dafür seien auch Nachhaltigkeitsaspekte. Campingurlaub schneidet in der CO2-Bilanz im Vergleich zu einer Flugreise deutlich besser ab. 

 

„Gerade bei den Kastenwagen tummeln sich überwiegend die jungen Wilden“, bestätigt Wolfgang Speck, Vorstandschef von Knaus Tabbert, im Gespräch. Das kompakte Fahrzeug diene nicht nur Urlaubszwecken, sondern werde auch für Freizeitaktivitäten am Wochenende und im Alltag genutzt.

 

Von Januar bis Juli 2020 wurden hierzulande 70.551 Freizeitfahrzeuge neu zugelassen, 15,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Beliebt waren vor allem Reisemobile, deren Zahl um fast ein Viertel zulegte. Deutschland ist der größte Markt für Caravaning in Europa. Auch Mietfahrzeuge werden immer populärer. 

 

Trotzdem musste die deutsche Caravaning-Branche im ersten Halbjahr leichte Einbußen verkraften. Der Umsatz, der sich aus dem Geschäft mit Neu- und Gebrauchtfahrzeugen sowie Zubehör zusammensetzt, sank um 6,1 Prozent auf 5,57 Milliarden Euro. Hauptgrund war der coronabedingte schwache Export. Vier von zehn deutschen Freizeitfahrzeugen gehen ins Ausland. Im ersten Halbjahr sank die Ausfuhr um 22 Prozent. Insgesamt ging die Produktion von Freizeitfahrzeugen um 18,3 Prozent auf 55.938 Stück zurück.

 

Von Kurzarbeit zu neuen Rekorden

Die Schließung von Autohändlern während des Corona-Lockdowns setzte der Branche zunächst schwer zu. Etliche deutsche Hersteller mussten ihre Produktion stoppen – wegen mangelnder Nachfrage und weil oft auch notwendige Teile fehlten. Mitarbeiter wurden im Frühjahr häufig in Kurzarbeit oder in den Urlaub geschickt. Diese Durststrecke ist längst überwunden. Im Monat Juli wurden so viele Freizeitfahrzeuge zugelassen wie nie zuvor. 

 

„Im Sommer haben wir die Werksferien der 6500 Beschäftigten von sechs auf zwei Wochen verkürzt. Der Markt kam sofort zurück, vor allem in Deutschland gab es einen Boom“, sagte Martin Brandt, Chef der Erwin Hymer Group aus Bad Waldsee kürzlich dem Handelsblatt. Der europäische Marktführer mit seinen 20 Marken von Dethleffs, Bürstner über Hymer bis Niesmann + Bischoff gehört inzwischen zum börsennotierten US-Konzern Thor Industries.

 

Wettbewerber Knaus Tabbert nutzt die Corona-Sonderkonjunktur nun für den Gang an die Börse. Der Hersteller aus dem bayerischen Jandelsbrunn ist die Nummer drei in Europa hinter der Erwin Hymer Group und Trigano aus Frankreich. Die Aktien von Knaus Tabbert sollen noch im September auf dem Frankfurt Parkett platziert werden.

 

„Unabhängiges, individuelles und komfortables Reisen wird immer beliebter“, begründet Vorstandschef Wolfgang Speck diesen Schritt. „Wir haben in den letzten Jahren an unserer Kapazitätsgrenze produziert, und alle Zeichen stehen auf weiteres Wachstum.“ Im vergangenen Jahr stellte Knaus Tabbert mit mehr als 3000 Mitarbeitern 26.000 Reisemobile und Caravans her.

 

Das Unternehmen hatte sich vor drei Jahren schon einmal börsenreif gemacht, um eine Übernahme zu finanzieren. Die Pläne zerschlugen sich aber. Niederländische Investoren hatten Knaus Tabbert 2009 aus der Insolvenz herausgekauft. Das Unternehmen machte 2019 einen Umsatz von 780 Millionen Euro und fuhr ein operatives Ergebnis von 64 Millionen Euro ein. Der Börsengang soll 20 Millionen Euro einbringen, die vornehmlich in ein neues Werk in Ungarn fließen sollen. 

 

Auch die Erwin Hymer Group hatte 2018 einen Börsengang ins Auge gefasst. Familie Hymer hatte sich dann aber für einen Komplettverkauf an den US-Konkurrenten Thor (Airstream, Dutchmen, Jayco) entschieden. Die Übernahme brachte den Erben von Firmengründer Erwin Hymer knapp zwei Milliarden Euro ein – und den Amerikanern ein wichtiges Standbein in Europa. Durch die Fusion entstand ein neuer Weltmarktführer mit 25.000 Mitarbeitern weltweit. Thor machte in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres (bis Ende Juli) 5,8 Milliarden Euro Umsatz.

 

Die Coronakrise hat einen neuen Trend geboren: Reisemobile und Wohnwagen werden zum Homeoffice auf Rädern. „In den USA arbeiten immer mehr Leute aus dem Wohnmobil. Unsere Fahrzeuge verfügen über modernstes WLAN“, sagte Thor-CEO Bob Martin kürzlich dem Handelsblatt.

 

Die technische Ausstattung von Freizeitfahrzeugen schreitet voran. Die Kunden verlangen Komfort und Gadgets wie in den eigenen vier Wänden. „Wir arbeiten stark an der Digitalisierung sowie Vernetzung“, sagt Knaus-Tabbert-Chef Speck. Sprachsteuerung zum Beispiel, ähnlich wie man sie von Siri oder Alexa kennt, ist auch im Caravaning angekommen.


Campingurlaub vom Feinsten: Frau sitzt entspannt auf einem Campingstuhl vor ihrem Wohnwagen im Wald. Die Sonne scheint zwischen die Bäume.